„Made in EU“-Ziele könnten erhebliche Auswirkungen darauf haben, wie Fahrzeughersteller und -zulieferer ihre Beschaffung zukünftig gestalten. Der von der Europäischen Kommission vorgeschlagene „Industrial Accelerator Act“ (IAA) würde neue Schwellenwerte für das öffentliche Beschaffungswesen und öffentliche Förderprogramme von Elektrofahrzeugen einführen. Der aktuelle Vorschlag sieht vor, dass mindestens 70 % Werts der Komponenten von Elektro-, Hybrid- und Brennstoffzellenfahrzeugen – ohne Batterien – in der EU hergestellt werden müssen. Nur dann können Hersteller von öffentlichen Förderungen oder öffentlichen Aufträgen für den Kauf, das Leasing oder die Miete dieser Fahrzeuge profitieren.
Herausforderungen und Unsicherheit für Europäische Fahrzeugunternehmen
Allerdings besteht derzeit Unsicherheit darüber, wie diese Schwellenwerte für den lokalen Anteil berechnet werden und was letztendlich als „Made in EU“ gilt. Branchenverbände setzen sich dafür ein, dass Länder wie das Vereinigte Königreich, die Türkei und Marokko gezielte Ausnahmeregelungen erhalten, da ihre Wertschöpfungsketten im Fahrzeugsektor eng mit denen der EU-27 verflochten sind. Stand September 2026 scheint jedoch eine strengere Definition wahrscheinlicher zu sein. Eine solche strenge Vorgabe von 70 % „Made in EU“-Anteil an lokalen Komponenten stellt sowohl für OEMs als auch für Zulieferer von Elektrofahrzeugen eine deutliche, aber dennoch bewältigbare Herausforderung dar.
Für OEMs besteht die größte Herausforderung kurzfristig darin, Transparenz zu schaffen und diese aufrechtzuerhalten – denn nur so können sie die neuen Vorschriften hinsichtlich der gemischten Beschaffungsstrukturen von Teilen, Komponenten und Modulen in ihren Supply Chains für Elektrofahrzeuge erfüllen. Strategisch gesehen müssen OEMs zudem festlegen, wie sie ihr Portfolio auf Fahrzeugebene optimieren und diese optimierte Zusammensetzung in ihren Beschaffungsentscheidungen umsetzen können.
Umgekehrt müssen Zulieferer kurzfristig die neuen Transparenzanforderungen ihrer Kunden erfüllen. Andernfalls riskieren sie, aus laufenden Beschaffungsentscheidungen ausgeschlossen zu werden, wenn sie die geforderte Transparenz nicht gewährleisten können. Noch wichtiger ist es für Zulieferer jedoch, ihren Beitrag zum gemischten EU-Anteil-Portfolio eines OEMs zu verstehen. Bei Bedarf müssen sie die Kosten und die Machbarkeit einer Erhöhung dieses Anteils einschätzen können.
Sechs Schritte zum Aufbau eines wettbewerbsfähigen Inbound-Netzwerks „Made in EU“
Der Aufbau einer wirklich wettbewerbsfähigen Supply Chain bedeutet, über reine Maßnahmen zur Kostensenkung hinauszugehen. Das gesamte Netzwerk muss von Grund auf neu gedacht und ganz im Sinne von „Made in EU“ konzipiert werden. Dafür können Fahrzeughersteller und -zulieferer einen strukturierten Sechs-Schritte-Ansatz verfolgen.
Die Bedeutung frühzeitigen Handelns
Für europäische Fahrzeughersteller und -zulieferer ist es riskant, die weitere Entwicklung der „Made in EU“-Vorschrift abzuwarten. Unternehmen, die frühzeitig handeln, erkennen ihre Risiken, kennen ihre strategischen und taktischen Optionen und sind besser in der Lage, sich anzupassen. Es ist wichtig, zwischen der reinen Einhaltung der Vorschriften zur Erfüllung des „Made in EU“-Schwellenwerts und einer fundierten wirtschaftlichen Entscheidungsfindung zu unterscheiden, die alle relevanten Faktoren wie Kosten, Vorlaufzeiten, Risiken und Nachhaltigkeit berücksichtigt. In Zeiten der Unsicherheit sind frühzeitige Transparenz und szenariobasiertes Netzwerkdesign mehr als bloße Planungsübungen. Sie sind zentrale Instrumente für Wettbewerbsfähigkeit, Risikominimierung und langfristige Supply Chain-Resilienz.